Nora hatte den Schlüssel schon in der Hand, als aus der Stube Musik kam. Sie blieb auf der obersten Stufe stehen. Eigentlich waren sie fertig: Fensterläden geöffnet, Betten bezogen, Holz hereingetragen. Morgen würden die ersten Gäste kommen. Heute wollten sie längst wieder unten sein.
„Du hast etwas vergessen“, rief Florian. Nora seufzte. Auf ihrer Liste war kein Platz mehr. Seit Montag hatte sie gewaschen, eingekauft und mit dem Installateur telefoniert. Nun erschien Florian in der Tür, die Ärmel hochgekrempelt. Zwischen zwei Fingern hielt er eine Postkarte.
Vorne war die Hütte zu sehen, noch mit dem schiefen Zaun. Hinten standen sechs Wörter in seiner krakeligen Schrift: „Nächsten Sommer zeig ich dir den Sonnenuntergang.“ Nora nahm ihm die Karte ab. „Die ist ja uralt.“ – „Elf Jahre. Hinter der Kommode gefunden.“ Sie strich mit dem Daumen über die Ecke. Damals hatte er ihr jede Woche geschrieben, obwohl sie sich samstags sowieso sahen.
Sie waren oft hier oben gewesen. Zum Dachausbessern, zum Mähen, einmal wegen einer eingefrorenen Leitung. Den Sonnenuntergang hatten sie immer anderen überlassen. Nora sah hinunter zum Parkplatz. Im Auto lagen zwei leere Einkaufskisten. Zu Hause wartete noch Wäsche.
Auf der Bank standen inzwischen ein Krug und zwei Gläser. Florian hatte Brot aufgeschnitten; der Käse lag noch in seinem Papier. „Das ist jetzt aber keine besonders feine Einladung“, sagte sie. Er betrachtete den Tisch. Dann zupfte er das Geschirrtuch unter dem Brotkorb gerade. „So. Jetzt schon.“
Nora lachte und legte den Schlüssel neben den Krug. Aus der offenen Tür klang eine Harmonika. Weiter unten zog jemand die letzten Bahnen über eine Wiese; für eine Weile hörten sie den Traktor zwischen den Liedern. Florian erzählte, wie er damals dreimal zur Post gegangen war, weil er sich nicht getraut hatte, die Karte einzuwerfen. „Dabei war deine Schrift das Mutigste daran“, sagte sie.
Als das Licht am gegenüberliegenden Hang goldgelb wurde, rückte Nora näher. Die Bank war noch warm. Sie lehnte den Kopf an seine Schulter und spürte, wie er vorsichtig stillhielt, damit sie bequem saß.
Später holte sie die Karte noch einmal hervor. Unter seinen alten Satz schrieb sie mit dem Bleistift von ihrer Aufgabenliste: „Ein bisschen verspätet. Aber ich bin da.“ Dann schob sie sie ihm in die Brusttasche. Den Schlüssel ließ sie liegen.




