Der Korb gehörte ihrer Schwester. Das war Elisabeth wichtig, als sie sich am Sonntag auf den Weg zur Alm machte. Sie hatte einen vernünftigen Grund heraufzugehen. Gestern beim Fest hatte ihre Schwester ihn unter einer Bank stehen lassen, samt Jausenbrett, zwei Geschirrtüchern und dem guten Messer. „Du gehst doch ohnehin gern hinauf“, hatte sie am Telefon gesagt. Elisabeth hatte nicht erwähnt, dass sie den Weg seit drei Wochen mied.
An der letzten Kehre kam ihr ein Bub mit einem Hund entgegen. Ob oben noch Musik sei, fragte sie beiläufig. „Der Toni probiert mit den anderen.“ Natürlich. Toni war im Dorf für vieles zuständig: für die Harmonika, für einen Traktor, der bei Kälte nicht ansprang, und neuerdings für eine Einladung, auf die Elisabeth keine Antwort gegeben hatte. Einen Spaziergang hatte er vorgeschlagen. Sie hatte gesagt, sie müsse schauen. Seitdem schaute sie vor allem weg.
Dabei hatte ihr der Nachmittag mit ihm gefallen. Sie hatten nach dem letzten Fest gemeinsam die Bänke gestapelt und sich über einen besonders schweren Tisch gestritten. Nicht richtig gestritten. Er hatte behauptet, sie trage auf der falschen Seite, sie hatte ihn gefragt, ob er jedes Möbelstück persönlich begrüßen müsse. Danach hatten sie vor der Hütte gesessen, bis es kühl geworden war. Erst seine Frage nach dem nächsten Sonntag hatte alles schwieriger gemacht.
Elisabeth war lange verheiratet gewesen. Seit der Trennung hatte sie sich ein Leben eingerichtet, das sie gut kannte. Ihre Wohnung, ihre Arbeit, am Freitag das Essen bei ihrer Schwester. Es war kein schlechtes Leben. Nur merkte sie bei Toni, wie schnell sie wieder anfing, auf etwas zu warten: auf einen Gruß, auf ein zufälliges Treffen im Laden, auf das Geräusch seines Wagens. Das machte ihr mehr Angst, als sie zugeben wollte.
Vor der Alm saßen drei Musikanten im Schatten. Toni sah zuerst auf ihre Schuhe und dann in ihr Gesicht. „Du bist ja doch noch gekommen.“ Elisabeth hob die Hand. „Wegen dem Korb.“ Die Wirtin hörte das durch die offene Tür. „Der steht in der Speis. Läuft dir nicht davon.“ Sie stellte eine Kanne Wasser auf den Tisch und verschwand wieder. Toni schob ein Glas hin. Elisabeth setzte sich, obwohl sie eigentlich nur kurz hatte bleiben wollen.
Er fragte nicht, warum sie sich nicht gemeldet hatte. Das machte es leichter und zugleich schwerer. Stattdessen erzählte er vom Hund, der gestern eine ganze Reihe belegter Brote bewacht und dabei unauffällig selbst eines gefressen hatte. Elisabeth kannte den Hund. „Dann war es nicht bloß eines.“ Toni lachte. Sie trank ihr Wasser und merkte, dass sie zum ersten Mal an diesem Morgen nicht darüber nachdachte, wie lange sie bleiben durfte.
Die beiden anderen wollten einen neuen Walzer noch einmal durchspielen. Toni nahm die Harmonika auf den Schoß. Elisabeth hörte zu, mit dem Fuß an der Tischkante. Beim zweiten Durchgang sang sie den Refrain leise mit. Der Gitarrist bemerkte es und nickte ihr zu. Als sie aufstanden, um drinnen Kaffee zu holen, blieb Toni sitzen. „Ich kann auch einfach fragen, ob du noch ein Glas Wasser möchtest“, sagte er. „Wenn der Spaziergang zu viel war.“
„Der Spaziergang war nicht zu viel.“ Sie drehte das leere Glas zwischen den Händen. „Ich bin nur nicht mehr besonders gut in solchen Sachen.“ Toni sah auf den Weg hinunter. „Ich hab die Frage auch dreimal geübt.“ Sie lachte so plötzlich, dass sie etwas Wasser verschüttete. Dann erzählte er ihr die erste Fassung, die viel zu umständlich gewesen war, und die zweite, in der er versehentlich den Wetterbericht untergebracht hatte.
Die Wiese neben der Hütte war frisch gemäht, nur am Rand standen die Blumen noch hoch. Von drinnen kamen die ersten Takte. Toni legte die Harmonika vorsichtig auf die Bank und hielt Elisabeth die Hand hin. „Das kann ich wenigstens, ohne vorher etwas zu üben.“ Beim ersten Schritt sank ihr Absatz ein Stück in die Erde. Sie zog die Schuhe aus und stellte sie neben den Zaun. Barfuß ging es besser. Viel Platz brauchten sie für den Walzer nicht.
Später saßen sie im Gras. An Tonis Ärmel hing ein trockener Halm, den er noch nicht bemerkt hatte. Elisabeth nahm ihn weg. Sie sprachen über den Weg hinter der Alm, den sie beide seit Jahren kannten und doch noch nie zusammen gegangen waren. „Bis zum Bach?“, fragte sie. Toni stand auf und reichte ihr die Schuhe. An der Hüttentür blieb Elisabeth stehen. „Der Korb.“ Die Wirtin winkte nur. „Holt ihn auf dem Rückweg.“ Diesmal fiel Elisabeth kein vernünftiger Grund ein, weshalb sie sich beeilen sollte.




