Die Glocke über der Bäckertür klang noch genauso schief. Veronika hatte sie vergessen, bis sie an diesem Morgen wieder läutete. Zum Dorffest war sie heimgekommen, für drei Tage, höchstens vier. Ihre Schwester hatte auf dem alten Dirndl bestanden. „Das steht dir immer noch.“ Nur den Reißverschluss hatte sie ihr hinten zumachen müssen. Nun stand Veronika damit vor der Theke und fühlte sich für einen Augenblick seltsam jung.
Draußen wurden die ersten Bänke auf den Dorfplatz getragen. Auf dem Weg hatte sie zweimal stehen bleiben müssen: einmal bei einer Nachbarin, die sie am Gang erkannt hatte, und einmal vor dem Haus, in dem früher der kleine Papierladen gewesen war. Dort hing jetzt ein Schild für Ferienwohnungen. Die Bäckerei aber hatte noch dieselbe grüne Tür. Veronika hatte die Klinke gedrückt, bevor sie sich zurechtlegen konnte, was sie sagen wollte.
Aus der Backstube kam ein Mann mit grauem Haar und Mehl auf der Schürze. Hannes stellte sein Blech ab. Er brauchte einen Moment. „Vroni?“ Sie nickte. Dann lächelten beide so verlegen, dass die Frau hinter ihr diskret die Auslage studierte. „Zwei Mohnweckerl?“, fragte er. „Du weißt das noch?“ – „Du hast mir oft genug die letzten weggekauft.“ Er griff bereits nach einer Papiertüte.
Früher hatte sie kurz vor sieben hereingeschaut, mit der Tasche über der Schulter und dem Blick auf die Uhr. Hannes arbeitete damals schon bei seinem Vater. Manchmal war sie zu spät dran gewesen, um zu warten. Dann hatte er ihr die Weckerl bis zur Bushaltestelle nachgetragen. Sie hatte immer geglaubt, das gehöre zum Service. Erst viel später war ihr eingefallen, dass kein anderer Kunde sein Frühstück persönlich zum Bus bekam.
Einmal hatte er neben ihr gestanden, bis die Türen zugingen. Sie wusste noch, dass Mehl an seinem Ärmel gewesen war und sie ihn gefragt hatte, ob er nicht zurückmüsse. „Gleich“, hatte er gesagt. Auf der Fahrt hatte sie das warme Weckerl gegessen und an ihren ersten Arbeitstag gedacht. An alles, nur nicht daran, warum Hannes noch gewartet hatte.
Dann kamen die Arbeit in der Stadt, eine Ehe, die irgendwann endete, und Jahre, in denen sie nur selten ins Tal fuhr. Wenn sie doch kam, war meist etwas zu erledigen gewesen. Diesmal hatte ihre Schwester gesagt: „Du kommst einfach zum Fest. Wir brauchen keinen anderen Anlass.“ Veronika hatte erst den Kalender angesehen und dann zugesagt.
Hannes packte die beiden Weckerl ein und legte ein drittes dazu. „Für deine Schwester.“ Veronika schüttelte den Kopf. „Die schläft noch. Gestern hat sie bis Mitternacht Kartoffelsalat gemacht.“ Er sah zur Uhr, dann zur Backstubentür. Seine Mitarbeiterin kam heraus und nahm ihm wortlos die Zange ab. „Geh ruhig. Zehn Minuten schaffen wir ohne dich.“ Zum ersten Mal lachte er laut. Die Schürze hängte er an den Haken neben der Tür.
Sie setzten sich auf die niedrige Mauer neben dem Brunnen. Hannes faltete die Tüte auseinander und legte sie zwischen sich. Das dritte Weckerl brach nicht in der Mitte; Veronika bekam das größere Stück. „Das war früher auch schon so“, sagte sie. Er sah sie fragend an. „Dass bei mir zufällig immer mehr drin war.“ Hannes zupfte ein Stück Kruste ab. „Ich hab mich halt oft verzählt.“
Er erzählte von seiner erwachsenen Tochter, die am Wochenende beim Fest helfen wollte. Veronika erzählte von ihrer viel zu kleinen Stadtwohnung und den Tomaten auf dem Balkon, für die im Sommer kaum Platz blieb. Es gab Pausen, aber keiner von beiden suchte nach einer Ausrede zum Aufstehen. Als jemand einen Tisch über das Pflaster zog, hoben sie gleichzeitig die Füße an und mussten lachen.
Nach einer Weile fragte sie nach den Frühstückslieferungen zur Bushaltestelle. Hannes schaute auf die offene Tüte. „Der Bus ist immer so schnell gekommen.“ – „Du hättest ja etwas sagen können.“ Er nickte. „Du auch.“ Veronika wollte widersprechen, ließ es dann aber. Stattdessen nahm sie die letzten Krümel vom Papier. Vom Platz her probierte jemand die ersten Töne auf einer Harmonika.
Als die Kirchturmuhr schlug, stand Hannes auf. Aus den zehn Minuten waren deutlich mehr geworden. „Bist du morgen noch da?“ Veronika strich ein paar Mohnkörner vom Rock. „Wenn du wieder drei einpackst.“ Er faltete die leere Tüte zusammen. „Die leg ich dir auf die Seite.“ Dann ging er zurück zur grünen Tür und drehte sich noch einmal um, bevor er hineinging.
Am Nachmittag saß Veronika mit dem Handy am Küchentisch ihrer Schwester. Die Verbindung für die Rückfahrt ließ sich noch ändern. „Um wie viel Uhr fährst du morgen?“, fragte ihre Schwester und stellte zwei Teller hin. Veronika wählte den folgenden Tag aus. „Morgen gar nicht.“ Ihre Schwester sah sie kurz an, schob ihr ein Stück Kuchen hin und fragte nichts weiter. Für den nächsten Morgen hatte Veronika schon etwas vor.




