Nach fast dreißig Jahren stand Veronika wieder vor der alten Bäckerei. Hannes wusste noch, was sie immer bestellt hatte.
Eine erfundene Berggeschichte · ca. 2 Minuten Lesezeit
Die Glocke über der Bäckertür klang noch genauso schief. Veronika hatte sie vergessen, bis sie an diesem Morgen wieder läutete. Zum Dorffest war sie heimgekommen, für drei Tage, höchstens vier. Ihre Schwester hatte auf dem alten Dirndl bestanden. „Das steht dir immer noch.“ Nun stand sie damit vor der Theke und fühlte sich für einen Augenblick seltsam jung.
Aus der Backstube kam ein Mann mit grauem Haar und Mehl auf der Schürze. Hannes stellte sein Blech ab. Er brauchte einen Moment. „Vroni?“ Sie nickte. Dann lächelten beide so verlegen, dass die Frau hinter ihr diskret die Auslage studierte. „Zwei Mohnweckerl?“, fragte er. „Du weißt das noch?“ – „Du hast mir oft genug die letzten weggekauft.“
Früher hatte er ihr die Weckerl manchmal bis zur Bushaltestelle nachgetragen. Sie hatte immer geglaubt, das gehöre zum Service. Erst viel später war ihr eingefallen, dass kein anderer Kunde sein Frühstück persönlich zum Bus bekam. Dann kamen die Arbeit in der Stadt, eine Ehe, die irgendwann endete, und Jahre, in denen sie nur selten ins Tal fuhr.
Hannes packte die Weckerl ein und legte ein drittes dazu. „Für deine Schwester.“ Veronika schüttelte den Kopf. „Die schläft noch.“ Er sah zur Uhr. Seine Mitarbeiterin kam aus der Backstube und nahm ihm wortlos die Zange ab. „Geh ruhig. Zehn Minuten schaffen wir ohne dich.“ Zum ersten Mal lachte er laut.
Sie setzten sich auf die niedrige Mauer neben dem Brunnen und teilten das dritte Weckerl. Hannes erzählte von seiner erwachsenen Tochter, Veronika von ihrer viel zu kleinen Stadtwohnung. Als die Kirchturmuhr schlug, fragte er: „Bist du morgen noch da?“ Sie strich ein paar Mohnkörner vom Rock. „Wenn du wieder drei einpackst.“ Am Nachmittag verschob sie ihre Rückfahrt. Um einen Tag, vorerst.
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