Am Berglsteiner See war der Frühling noch jung. Im Schatten lag feuchtes Laub, und wer vom Weg ans Ufer trat, brachte dunkle Erde an den Schuhen mit. Der junge Mann aus dem Wald hatte seine Stiefel ohnehin selten sauber. Er arbeitete dort, wo Holz geschlagen und geschichtet wurde. Als sie ihn zum ersten Mal ansprach, saß er auf einem Stamm und flickte den Riemen seiner Tasche. Sie fragte nach dem Weg. Er zeigte ihn ihr und merkte erst danach, dass sie ihn längst kannte.
Beim nächsten Treffen brachte sie einen Apfel mit. Sie teilte ihn mit einem kleinen Messer, wobei eine Hälfte deutlich größer geriet. Er ließ sie liegen, bis sie ihm das Stück ausdrücklich in die Hand drückte. Sie sprachen über seine Arbeit, über einen Vogel, den sie beide hören, aber nicht sehen konnten, und über das Wetter. Von ihrem Zuhause erzählte sie wenig. Nur dass sie bei Tisch oft länger stillsitzen musste, als ein Mensch ihrer Meinung nach stillsitzen sollte.
Er wusste, wo sie wohnte. Jeder kannte das große Haus oberhalb des Weges. Dort wurde das Holz angeliefert, dort hing im Winter schon Licht hinter den Fenstern, wenn unten noch alle schliefen. Einmal hatte er mit seinem Vater einen Wagen bis zum Tor gebracht. Sie war damals an ihnen vorbeigegangen, ohne dass er gewagt hätte, sie anzusehen. Jetzt saß sie neben ihm am Ufer und versuchte mit großem Ernst, einen flachen Stein über das Wasser springen zu lassen.
Sie trafen sich wieder. Manchmal blieb nur eine Viertelstunde, manchmal fast ein ganzer Nachmittag. Er erzählte ihr, wie er sich eine Werkstatt einrichten würde, wenn er genug zurückgelegt hätte. Sie beschrieb einen Garten, in dem niemand die Blumen nach ihrer Höhe ordnete. Aus kleinen Einfällen wurden gemeinsame Pläne. Als sie ihn bei der Hand nahm, hörte er mitten im Satz auf. „Du kannst ruhig weiterreden“, sagte sie. Er wusste nur nicht mehr, worum es gegangen war.
Irgendwann genügte es ihnen nicht mehr, einander zufällig am See zu begegnen. Er wollte zu ihrem Vater gehen. Sie strich den Kragen seiner Jacke glatt und sagte, sie werde dabei sein. Vor dem großen Haus wartete er, bis jemand das Tor öffnete. Er hatte sich vorgenommen, ordentlich zu sprechen. Von seiner Arbeit wollte er erzählen, von seinen Händen, davon, dass er für sich und einen anderen Menschen sorgen konnte. Im Flur vergaß er die vorbereiteten Sätze und sagte schlicht, dass er sie liebe.
Ihr Vater ließ ihn nicht zu Ende sprechen. Er fragte nach Land, nach Geld und nach einem Namen, den er offenbar hätte kennen sollen. Die Tochter antwortete, dass sie nicht nach einem Besitz gefragt habe. Daraufhin wurde auch ihr befohlen zu schweigen. Der junge Mann blieb noch einen Augenblick stehen. Dann ging er. Hinter ihm fiel die Tür zu. Er hörte Schritte auf dem Kies, das Bellen der Hunde und den Ruf, er solle nie wiederkommen.
Was danach geschah, erfuhr sie nur in abgebrochenen Sätzen. Jemand hatte ihn zum See laufen sehen. Jemand anderes hatte am Ufer einen Hut gefunden. Männer waren mit Stangen und Seilen hinausgegangen und ohne ihn zurückgekommen. Im Haus wurden die Fenster geschlossen, als ließe sich damit auch das Geschehene fernhalten. Ihr Vater schickte einen Diener, der ihr ausrichten sollte, sie möge sich beruhigen. Sie fragte ihn, ob er den Hut gesehen habe. Darauf hatte er keine Antwort.
Die Tage im großen Haus gingen weiter. Am Morgen wurde gedeckt, mittags aufgetragen, abends das Licht in den Fluren gelöscht. Für sie war jeder dieser Handgriffe unerträglich gewöhnlich. Niemand sagte seinen Namen. Als sie ihn selbst aussprach, schaute ihre Mutter auf die Tür. Einmal legte die alte Köchin Brot und einen Apfel in ein Tuch und drückte es ihr in die Hand. Sie sagte nichts dazu. Es war das erste Mal seit Tagen, dass jemand begriff, wohin sie wollte.
Am Ufer blieb sie lange sitzen. Sie erinnerte sich an den schief geteilten Apfel und an eine Werkstatt, die es nun nicht geben würde. In dieser Nacht kehrte auch sie nicht in das große Haus zurück. Die Erzählung findet dafür keinen tröstlichen Satz. Zwei junge Menschen waren verloren gegangen, und keine Vorschrift, kein Besitz und kein nachträgliches Schweigen konnte das rechtfertigen. Die Köchin stellte am folgenden Morgen keinen zweiten Teller mehr hin. Sie setzte sich an den Küchentisch und weinte.
Später erzählte man am See von zwei Steinen, die nahe beieinander im Wasser liegen. Wer die Geschichte weitergab, sah darin ein Bild für die beiden. Die einen sprachen nur von ihrer Liebe. Andere erinnerten auch daran, wer ihnen das gemeinsame Leben verweigert hatte. Beides gehört zum Lied. Denn die Nähe der Steine macht den Verlust nicht gut. Sie lässt nur eine Frage am Ufer zurück: Wie hätte ihr Leben aussehen können, wenn jemand die Tür offengehalten hätte?




