Der Kaffee war kalt geworden, bevor Jonas den Bahnhof erreichte. Er hatte den Becher auf dem Küchenbrett vergessen, während er dreimal die Tasche wieder öffnete. Geld, Ausweis, Fahrkarte. Das Hemd lag noch über dem Stuhl. Er stopfte es obenauf und zog den Reißverschluss zu. Erst unten auf der Straße merkte er, dass er Leas kleine rote Tasse eingepackt hatte. Zurückgehen wollte er nicht mehr. Sie lag gut zwischen den Pullovern.
Vor zwei Jahren hatten sie die Reise zum ersten Mal geplant. Lea hatte einen alten Straßenatlas über den Küchentisch gebreitet, obwohl Jonas ihr die ganze Strecke auf dem Handy zeigen konnte. „Da sehe ich aber nur den nächsten Ausschnitt“, hatte sie gesagt. Sie wollte wissen, wie weit es wirklich war. Mit dem Finger war sie bis Istanbul gefahren. Danach hatten sie gegessen und gestritten, ob man für zwei Wochen wirklich vier Paar Schuhe brauche. Es war ein guter Abend gewesen.
Dann war erst der Wagen kaputtgegangen und später Leas Mutter krank geworden. Ein Sommer verging, dann noch einer. Sie hatten weiter von der Reise gesprochen, aber irgendwann nur noch so, wie andere Leute von einem Dachboden redeten, den sie einmal ausräumen wollten. Als Jonas seinen Urlaub endlich fest eintrug, konnte Lea nicht weg. Sie sagte, er solle fahren. Am Abend vor der Abreise fragte sie dann doch, ob es unbedingt jetzt sein müsse.
Am Bahnsteig las er ihre letzte Nachricht noch einmal. Er sollte sich melden, wenn er angekommen war. Darunter stand nichts. Kein Vorwurf, aber auch kein Bild mit einer Sonne, wie sie es sonst schickte. Jonas setzte sich ans Fenster. Im Glas sah er sein eigenes Gesicht und dahinter die Häuser, die langsam zurückblieben. Er schrieb: „Die rote Tasse ist bei mir.“ Dann legte er das Handy weg, bevor er nachsehen konnte, ob sie schon gelesen hatte.
Die Reise wurde länger, als der Ausdruck mit den Verbindungen versprochen hatte. Er wartete, kaufte Brot, verpasste einen Anschluss und fuhr ein Stück mit einem Bus, dessen Motor jede Unterhaltung übertönte. Neben ihm saß eine Frau mit einer Tasche voller Essen. Sie bot ihm etwas an, das in Papier gewickelt war, und akzeptierte sein erstes höfliches Nein nicht. Jonas schickte Lea ein Foto davon. Ihre Antwort kam am Abend: „Du lässt dich also doch versorgen.“ Zum ersten Mal seit der Abfahrt musste er lachen.
In einem kleinen Zimmer am Rand einer fremden Stadt stellte er beide Tassen auf den Tisch. Die zweite hatte er unterwegs gekauft, weil die rote nicht allein stehen sollte. Darüber ärgerte er sich selbst ein wenig. Er war doch losgefahren, um endlich etwas zu tun, das nicht von allen anderen abhing. Nun saß er zwischen seinem halboffenen Gepäck und zwei leeren Tassen und wollte ausgerechnet Lea erzählen, wie schlecht das Türschloss klemmte.
Er rief an. Sie fragte zuerst, ob etwas passiert sei. „Nein. Ich hab nur einen Tisch mit zwei Tassen vor mir.“ Eine Weile sagte keiner etwas. Dann erzählte er von dem verpassten Anschluss und dem Essen im Bus. Lea berichtete vom Einkauf für ihre Mutter und von einer Kollegin, die ihr Dienste abgenommen hatte. Er hörte zu, ohne nebenher eine Verbindung zu suchen. Schließlich sagte sie: „Ich wäre gern dabei.“ Er antwortete nicht gleich. „Ich hätte dich auch lieber neben mir.“
Am nächsten Morgen war die Luft schon warm, als er seine Tasche zur Haltestelle trug. Mit jedem Abschnitt wurde das Ziel greifbarer. In den Straßen wurden Waren ausgeladen, jemand rief einem Fahrer hinterher, aus einer offenen Tür kam der Geruch von Gewürzen. Jonas hielt an einem Stand, bestellte mit Händen und wenigen Worten etwas zu trinken und bekam ein kleines Glas hingestellt. Die rote Tasse ließ er im Gepäck. Sie war für später.
Als er in Istanbul endlich am Wasser stand, hatte er sich den Augenblick größer vorgestellt. Vielleicht hätte er etwas Besonderes fühlen sollen. Stattdessen taten ihm die Schultern weh, und er wollte die Tasche abstellen. Er fand ein Zimmer und setzte sich ans offene Fenster. Auf der anderen Seite des Telefons raschelte Papier. Lea suchte ihren Ausweis. Ihre Schwester würde für ein paar Tage bei der Mutter bleiben. „Ich kann am Donnerstag kommen“, sagte sie. Jonas sah auf die beiden Tassen. „Dann warte ich hier.“
Bis Donnerstag ging er durch schmale Straßen, irrte sich an Kreuzungen und merkte sich einen Laden, vor dem man gut sitzen konnte. Er schickte Lea keine fertige Liste. Nur die Adresse seines Zimmers und den Hinweis, dass sie keine Tasse mitbringen müsse. Als sie schließlich mit ihrer Reisetasche vor ihm stand, war die erste Umarmung etwas ungeschickt. Beide hatten noch etwas in der Hand. Lea nahm ihm den roten Becher ab. „Den hab ich gesucht.“ Am nächsten Morgen saßen sie vor dem Laden, den er ihr zeigen wollte. Wo sie danach hingingen, hatten sie noch nicht besprochen.




