Jakob hatte den Schraubenzieher schon in der Hand, als Hanna den Rucksack auf die Werkbank stellte. Neben die Schrauben, die er gestern Abend noch sortieren wollte. „Nur schnell die Schublade beim Nachbarn“, sagte er. Hanna nahm ihm den Schraubenzieher ab und legte ihn auf den Rucksack. „Dann musst du die Werkbank mitnehmen. Die Schublade ist dort.“ Er sah sie an. Sie trug die Wanderschuhe. Zum ersten Mal seit Wochen waren sogar ihre Haare schon geflochten, bevor das Frühstück auf dem Tisch stand.
Seit dem Frühjahr hatten sie von diesem Wochenende gesprochen. Immer war etwas gewesen. Ein Auftrag, eine Familienfeier, Regen, der angekündigt worden und dann doch nicht gekommen war. Am letzten Sonntag hatte Hanna allein die Vorratskammer ausgeräumt. Jakob war in der Werkstatt geblieben, bis sie ihm das Abendessen hinunterbrachte. Da hatte sie beschlossen, diesmal nicht mehr zu fragen, ob sie irgendwann hinaufgehen wollten. Sie hatte zwei Schlafplätze auf der Alm reserviert. Samstag hinauf, Sonntag zurück. Jetzt fehlte nur noch der Mann mit dem Schraubenzieher.
Vor dem Haus blieb Jakob trotzdem stehen. Ob sie den kleinen Schlüssel habe. Ob oben Bettwäsche vorhanden sei. Ob der Wasserhahn im Garten zugedreht sei. Hanna nickte bei jeder Frage. Erst bei der vierten ließ sie ihn nicht ausreden. „Die Werkstatt steht morgen auch noch.“ Vom Nachbarzaun kam ein Lachen. „Der hält’s drobn keine zwei Stunden aus!“, rief jemand. Jakob zog den Rucksack höher. „Wenn du deine Lade bis morgen in Ruh lässt, vielleicht schon.“
Auf dem ersten Wiesenstück ging er so schnell, dass Hanna ihn am Ärmel festhielt. „Wir müssen oben keine Zeitkarte stechen.“ Er blieb stehen und drehte sich zu ihr. „Ich geh doch ganz normal.“ Sie zeigte auf den Abstand zwischen ihnen. „Dann geh einmal unnormal. Vielleicht kommen wir dann gemeinsam an.“ Er wartete, bis sie neben ihm stand. Eine Weile gingen sie schweigend weiter. Am Waldrand fragte er, ob sie noch wisse, wie sie früher beim Wandern immer gesungen hatte. „Freilich“, sagte Hanna. „Aber dazu muss einer neben mir gehen, der zuhört.“
Im Wald wurde es kühl. Über dem Bach lag ein schmaler Steg, an dessen Geländer eine Schraube vorstand. Jakob blieb davor stehen. Hanna sah auf seine Hand, die bereits zur Hosentasche ging. Er hielt inne. Langsam zog er statt des kleinen Werkzeugs ein Taschentuch hervor. „Man wird sich ja wohl die Nase putzen dürfen.“ Hanna lachte so laut, dass ein Vogel aus dem Gebüsch aufflog. Danach ging Jakob neben ihr her. Zum ersten Mal an diesem Morgen fragte er, ob ihr Rucksack zu schwer sei.
Kurz vor der Alm hörten sie die Harmonika. Noch keine richtige Musik, eher einzelne Läufe und einen Anfang, der zweimal abbrach. Vor der Hütte saß ein junger Musikant auf einem Schemel und schaute einem zweiten über die Schulter. Die Wirtin winkte mit einem Geschirrtuch. „Ihr seid früh.“ Jakob wollte schon auf die Uhr schauen. Dann ließ er den Arm wieder sinken. „Oder ihr fangt spät an.“ Die Wirtin grinste. „Setzt’s euch. Kaffee ist fertig.“
Die Bank stand an der warmen Hauswand. Hanna streckte die Beine aus, während Jakob die Brotdose öffnete. Er legte ein in Papier gewickeltes Stück Butter auf den Tisch. Dann warteten beide. „Wer hat das Brot?“, fragte er schließlich. Hanna sah zu Jakob. Jakob sah auf ihren Rucksack. „Du hast gesagt, du packst die Jause ein.“ „Ich hab gesagt, ich pack die Jacke ein.“ Für einen Augenblick hörte man nur die Kuhglocken. Dann schob die Wirtin das Fenster auf. „Mit Butter allein braucht’s bei mir keiner wandern. Brot hab ich schon auch.“
Beim zweiten Kaffee legte Jakob den Kopf an die Holzwand. Hanna kannte ihn sonst nur mit beiden Füßen auf dem Boden, bereit, wieder aufzustehen. Jetzt hatte er die Augen geschlossen. „Schläfst du?“ „Ich hör die Musi.“ „Die probieren immer noch denselben Anfang.“ „Eben. Da versäum ich nichts.“ Sie rückte näher, bis ihre Schultern sich berührten. Weiter unten zwischen den Hängen glänzte ein Stück vom See. Jakob hob die Hand und zeigte ins Tal. „Von da könnt man beinahe unser Haus sehen.“ Hanna schob seine Hand sanft herunter. „Der Wasserhahn ist zu.“ Er grinste. „Ich weiß.“
Später gingen sie ein Stück über die Wiese. Ohne Gipfelplan und ohne sich auszurechnen, wann sie wieder unten sein mussten. Hanna blieb bei einer kleinen Quelle stehen und hielt die Hände ins Wasser. Jakob wartete neben ihr. Als sie weitergingen, nahm er ihre Hand. „Ich hab gedacht, du bist mir bös“, sagte er. „War ich auch.“ „Wegen voriger Woche?“ Sie sah ihn an. „Wegen der Wochen davor auch.“ Er nickte. Ein Windstoß fuhr durch das Gras. „Du hättest die Schublade ruhig absagen können“, sagte sie. „Dem Nachbarn. Nicht mir.“
Auf dem Rückweg zur Hütte blieb er vor einer besonders krummen Zaunlatte stehen. Hanna wartete auf den nächsten Verbesserungsvorschlag. Jakob betrachtete die Latte eine Weile und ging dann weiter. „Die hält“, sagte er. „Was?“ „Die Latte. Schon länger als wir zwei verheiratet sind, wahrscheinlich.“ Hanna musste lachen. „Dann lassen wir sie.“ Vor der Hütte hatten die Musikanten inzwischen Verstärkung bekommen. Einer trug seine Gitarre noch im offenen Koffer, der andere stellte zwei Stühle auf die Wiese.
Am Nachmittag kamen weitere Wanderer an der Hütte an. Auf den Tischen standen Kaffeetassen und Teller mit Kuchen. Hanna wickelte die übrig gebliebene Butter wieder ein. „Für morgen“, sagte sie. Die Musikanten spielten jetzt zusammen, ohne noch einmal abzubrechen. Ein Paar stand auf und begann vor der Hütte zu tanzen. Hanna klopfte mit den Fingern den Takt auf den Tisch. Jakob schaute erst auf ihre Hand und dann auf die beiden im Gras.
„Du brauchst nicht so schauen“, sagte sie. „Ich weiß schon, dass du müde bist.“ Er stand auf. „Wer sagt denn das?“ Beim ersten Schritt kamen sie einander mit den Schuhen in die Quere. Hanna hielt ihn am Oberarm fest. „Langsamer. Das ist ein Boarischer, kein Wettrennen.“ „Den Satz kenn ich heute schon.“ Danach fanden sie hinein. Zwei Schritte, ein Wiegen, eine Drehung, die mehr Platz brauchte als gedacht. Jakob musste über sich selbst lachen. Hanna hielt seine Hand fest. Diesmal musste sie ihn nicht zum Bleiben überreden.
Als die Sonne hinter den Grat sank, brachte die Wirtin Jacken aus dem Flur. Die Schlafplätze waren gerichtet, das Abendessen musste nur noch aufgetragen werden. Hanna zog ihren Reißverschluss zu. Jakob sah auf die Bank, auf der sie am Vormittag gesessen hatten. „Da setzen wir uns morgen vor dem Frühstück noch einmal hin.“ Sie lehnte sich an ihn. „Die Bank läuft uns nicht davon.“ Er lachte leise. Aus der offenen Tür kam ein neuer Anfang auf der Harmonika. Diesmal brach er nicht ab.
Jakob hielt Hanna die Hand hin. „Einer geht noch.“ Sie stellte ihre Tasse auf das Fensterbrett und ließ sich mitnehmen. Über der Wiese war es schon kühl, aber nach den ersten Schritten merkten sie wenig davon. Als die Musik verklang, standen sie noch einen Augenblick beieinander. „Nächsten Sonntag?“, fragte er. Hanna hob die Augenbrauen. „Du fragst mich?“ „Ich wollt’s nur rechtzeitig sagen.“ Sie drückte seine Hand. Morgen würden sie wieder hinuntergehen. Den kleinen Schlüssel hatte sie dabei. Den Schraubenzieher hatte Jakob tatsächlich zu Hause gelassen.




