Das Mandl saß schon dort, als der Bäcker seinen ersten Korb über die Brücke trug. Ein kleiner älterer Mann mit einem Hut, der ihm ein wenig zu groß war, und Stiefeln, deren Spitzen über dem Wasser schwebten. Er hatte sich auf dem niedrigen Vorsprung neben dem Geländer niedergelassen. Wer vorbeikam, konnte glauben, er warte auf jemanden. Nur sah er nicht nach dem Weg. Er schaute den Menschen ins Gesicht.
Ein Fuhrmann rief ihm zu, ob er denn nichts zu arbeiten habe. Das Mandl hob freundlich die Hand. Zwei Buben blieben stehen und fragten, wie viele Fische er schon gezählt habe. „Heut noch keinen“, sagte es. „Die bleiben so schlecht stehen.“ Die Buben lachten und rannten weiter. Gegen Mittag trugen die Leute ihre Körbe heim, am Nachmittag wieder andere hinaus. Das Mandl schien seine Stellung nicht verändert zu haben. Niemand wusste, woher es gekommen war.
Martha bemerkte es erst, als sie beinahe an ihm vorüber war. Sie hatte den Blick auf die Bretter gerichtet und ein Tuch so fest umklammert, dass ihre Finger schmerzten. Beim Händler hatte sie um Aufschub gebeten. Sie hatte ordentlich angefangen, von den ausstehenden Näharbeiten gesprochen und von dem Geld, das bestimmt bald kommen würde. Dann war ihr die Stimme weggebrochen. Nun wollte sie heim und sich das Gesicht waschen, bevor ihre Tochter von der Nachbarin zurückkam.
Seit dem Tod ihres Mannes wohnte sie mit dem Kind allein in dem kleinen Haus am Hang. Die Nähmaschine gehörte ihr, der Herd und zwei Ziegen auch. An manchen Tagen reichte das. In den letzten Wochen hatten jedoch Leute ihre fertigen Sachen abgeholt und die Bezahlung auf später verschoben. Einer hatte ihr dabei erklärt, dass jeder gerade schauen müsse, wie er durchkomme. Martha hatte genickt. Jetzt wusste sie nicht, wie sie selbst durchkommen sollte.
„Ist der Weg heut so schwer?“ Die Stimme war leise, aber sie hörte sie über dem Wasser. Martha blieb stehen. „Nein.“ Das Mandl sah auf ihre Hand. „Dann haltst dein Tüchl bloß so fest.“ Sie lockerte die Finger. Für einen Augenblick ärgerte sie sich, dass ein Fremder das bemerkte. Dann stiegen ihr wieder die Tränen in die Augen. „Ich mag jetzt nicht erzählen“, sagte sie. Das Mandl nickte und rückte ein Stück zur Seite. „Dann sitzen wir halt.“
Martha setzte sich. Zuerst blieb zwischen ihnen Platz für einen Korb. Unten zog ein heller Span im Wasser vorbei, drehte sich hinter einem Stein und verschwand. Sie sah ihm nach. Das Mandl fragte nicht weiter. Es sagte auch nicht, dass alles schon wieder werden würde. Nach einer Weile begann Martha trotzdem zu reden. Zuerst über den Händler, dann über die unbezahlten Hemden und schließlich darüber, wie müde sie war, vor ihrer Tochter immer eine Antwort haben zu müssen.
Sie erzählte von dem Schuh, den sie gestern noch einmal geflickt hatte. Von einem Auftrag, bei dem die Kundin dreimal Änderungen verlangt und dann am Preis gehandelt hatte. Einmal stockte sie und fragte: „Verstehst überhaupt, was ich mein?“ Das Mandl sah sie an. „Dass dir die Händ nimmer reichen. Und dass es keiner merkt.“ Martha zog das Tuch über die Augen. So hatte sie es selbst noch nicht gesagt. Aber genau so war es.
Als die Schatten der Geländerpfosten länger wurden, hörte sie auf. Hinter ihr ging jemand mit einem schweren Sack vorbei. Martha wollte aufstehen, um den Platz frei zu machen. Das Mandl hob nur kurz die Hand. Der Mann ging auf der anderen Seite weiter. „Für di hab ich heut noch Zeit“, sagte es. Martha blieb sitzen. Sie musste zum ersten Mal an diesem Tag nicht sofort irgendwohin, nur weil ein anderer Mensch kam.
Schließlich atmete sie tief durch. „Jetzt sollt ich aber wirklich heim.“ Das Mandl nickte. „Geh nur. Unter deinem Herd liegt Geld.“ Martha drehte sich zu ihm. „Unter meinem Herd liegt höchstens Staub.“ Es lächelte, als hätte sie etwas gesagt, das ihm gefiel. Sie sah kurz zum gegenüberliegenden Ufer, wo ein Hund bellte. Als sie wieder neben sich schaute, war der Platz leer. Der Hut war fort, die Stiefel auch. Sie hatte keine Schritte gehört.
Martha stand auf und ging bis zur Mitte der Brücke. Auf beiden Seiten war der Weg ein Stück weit zu sehen. Kein kleiner Mann, kein großer Hut. Nur eine Frau mit einem leeren Korb kam ihr entgegen. Ob sie jemanden gesehen habe, fragte Martha. Die Frau schüttelte den Kopf. Martha ging nach Hause. Beim Gartentor musste sie über den Satz mit dem Staub beinahe lachen. Ihre Tochter saß bei der Nachbarin am Tisch und half beim Bohnenputzen. Es blieb ihr noch eine halbe Stunde allein.
Der Herd war seit dem Morgen kalt. Martha kniete sich davor und zog den niedrigen Holzbehälter aus der Nische daneben. Hinter ihm lag ein Stein im Sockel, dessen Fuge breiter war als die anderen. Sie kannte die Stelle. Der Stein hatte gewackelt, seit sie in dem Haus wohnte. Diesmal nahm sie ihn heraus. Ihre Hand stieß in dem dunklen Hohlraum auf etwas Hartes, in Stoff Gewickeltes. Sie zog das Bündel ins Licht und schlug es auf dem Küchenboden auseinander.
Die erste Münze blieb in einer Falte hängen. Dann glitten weitere auf die Dielen. Martha hielt eine zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie war schwerer, als sie erwartet hatte. Lange saß sie vor dem kalten Herd und bewegte sich nicht. Erst als draußen ihre Tochter nach ihr rief, wickelte sie das Gold wieder ein. „Ich bin da“, antwortete sie. Das Kind kam herein und fragte, warum sie auf dem Boden sitze. Martha streckte die Arme aus. „Komm einmal her.“
Am nächsten Tag ließ sie eine Münze prüfen. Sie sprach nicht vom Mandl, sondern nur von einem Fund im alten Haus. Danach konnte sie zahlen, was offen war, Vorräte kaufen und den Schuhmacher um ein neues Paar für ihre Tochter bitten. Sie stellte ihre Arbeit nicht ein. Aber als die nächste Kundin den Preis drücken wollte, blieb Martha bei der vereinbarten Summe. Zum ersten Mal seit langer Zeit konnte sie es sich leisten, auf die Antwort zu warten.
Nach dem kleinen Mann suchte sie trotzdem. Sie fragte beim Bäcker und beim Händler, bei den Häusern am Fluss und an der Weggabelung. Niemand kannte seinen Namen. Ein alter Mann meinte, er habe schon vor vielen Jahren von so einem Mandl gehört. Als Martha wissen wollte, wann genau, wurde er unsicher. Vielleicht habe sein Vater davon erzählt. Vielleicht auch seine Mutter. Am Ende wusste Martha weniger als zuvor. Nur die Stelle neben dem Geländer fand sie jedes Mal wieder.
Einige Wochen später blieb sie dort stehen. Sie hatte ihre Nähsachen im Korb und wollte den Weg nach Hause nehmen, als ihr eine junge Frau entgegenkam. Die Frau sah nicht aufs Wasser. Sie schaute auf die Bretter und hielt einen Brief in der Hand, dessen Rand schon ganz weich geworden war. Martha kannte diesen Blick. Sie trat zur Seite, setzte ihren Korb ab und ließ den Platz neben sich frei. „Magst ein bisserl sitzen?“
Die junge Frau schüttelte zunächst den Kopf. Dann fragte sie, ob Martha es denn nicht eilig habe. Martha dachte an die Nähmaschine und an die Kartoffeln, die daheim noch geschält werden mussten. Das würde beides warten. Sie nahm den Korb von der Sitzkante und stellte ihn zu ihren Füßen. „Für dich hab ich noch Zeit.“ Die Frau setzte sich. Eine Weile sagten sie nichts. Unter ihnen rauschte die Ziller, und am anderen Ende der Brücke fing ein kleiner Bub an, laut nach Fischen zu zählen.




